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Das Problem liegt immer am anderen Ende der Leine

Diesen Satz lese ich mehr als häufig in den sozialen Netzwerken und höre ihn auch sehr oft von meinen Kunden. Gerade dann, wenn diese sehr verzweifelt sind, weil der Hund sich nicht so benimmt wie erwünscht, höre ich fast schon als ersten Satz: "Ja, der Mensch ist immer Schuld, es muss also an mir liegen, dass der Hund XY ist/macht."

 

Und oft denke ich mir... Ja? Muss es das?

 

Natürlich hat man als Mensch einen unfassbar großen Einfluss darauf, wie der Hund sich verhält. Wir können eine unterschiedliche Stimmung auf den Hund übertragen, haben Einfluss darauf, ob der Hund uns als konsequent oder nachlässig wahrnimmt, haben Kontrolle darüber, ob wir uns einen kleinen Narzissten heranziehen oder einen genügsamen Alltagsbegleiter. Aber egal um welchem Hund es geht, gibt es eben noch so etwas wie Genetik und Persönlichkeit. Häufig stellt man nach einigen Jahren fest, dass sich gewisse Dinge einfach nicht mehr verbessern, da es zu seiner Veranlagung oder seinem Charakter gehört. Man kann nur schwer aus einem Hund, der wachsam/territorial ist, einen Hund machen, der sich für Besucher oder andere Hunde am Zaun nicht interessiert. Man kann aus einem ernsthaft jagdlich motivierten Hund, keinen Hund machen, der draußen Wild ignoriert. Man kann aus einem Hund, der keine Lust auf fremde Menschen oder Hunde hat, keinen machen, der sich über diese übermäßig freut. Man kann aus einem Hund, dem Ressourcen wirklich wichtig sind, keinen machen, dem diese vollkommen egal sind. Man kann aus einem Schäferhund keinen Golden Retriever machen. Man kann aus einem Beagle keinen Mops machen.

 

Dementsprechend haben es manche mit ihren Hunden einfacher als andere und diese sind nicht zwangsweise das Produkt ihrer herausragenden Erziehung. Auch nach 37 Jahren Schäferhunden kann ein Schäferhund kommen, der anders ist, der einen überfordert und mit dem man nicht umzugehen weiß. Meistens wird erst dann der Punkt erreicht, an dem man demütig wird. Bei jedem neuen Hund, wurde mir schnell bewusst, dass ich noch nicht genug weiß.

 

Was aber jeder Hund lernen kann, ist, sich nicht wie offene Hose zu benehmen - sich zurückzunehmen und abrufbar, abbrechbar, leinenführig und in jeder Situation ansprechbar zu sein. Und selbst das ist manchmal ein langer, steiniger Weg, der nicht von heute auf morgen zu meistern ist.

 

"Das Problem liegt immer am anderen Ende der Leine." "Das Problem" beginnt schon dort, wo Kampfhunde als Kampfschmuser bezeichnet werden und jegliche genetische Veranlagung abgesprochen wird, während bei Hütehunden fast alles über genetische Veranlagung erklärbar scheint. "Das Problem" geht da weiter, wo ein Hund, der mit der Rute wedelt, sich freut und ein Hund, der knurrt, bösartig ist.

 

Ein schwieriger Hund ist händelbar, weil derjenige, um dessen Potenzial weiß, vorausschauend mit diesem Hund durchs Leben geht, ihn so weit wie möglich erzieht, ihn sonst managed und absichert. Er wird nicht händelbar, weil derjenige diesen Hund grundlegend verändern kann.

 

Wenn wir also zur Kernaussage zurückkehren, liegt also wirklich das Problem oft am anderen Ende der Leine - aber nicht immer nur aufgrund von mangelnden oder falschen erzieherischen Maßnahmen sondern eher aufgrund von mangelndem Wissen über das Wesen von Hunden.