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Die eigene Mitte


Wenn man bei eigenständigen und sturen Hunden zu schnell in die Verbindlichkeit geht, mit zu viel Druck arbeitet und die Motivation dabei zu kurz kommt, kann es passieren, dass sie dicht machen, noch sturer werden und einfach gedanklich gar nicht mehr beim Menschen sind.

 

Für das Training mit Shar Pei Hector bedeutete das: Markertraining (mit Clicker), Rückruftraining mit einem neuen Signalwort und Leinenführung über positive Verstärkung. Das Schöne, was oft an der Arbeit über positive Verstärkung kritisiert wird, ist, dass der soziale Aspekt weggelassen werden kann. Für dieses Mensch-Hund Team ist das jetzt genau richtig, denn der Kampf, den die beiden im Alltag geführt haben, war eben sehr emotional. Dann kann es auch mal gut sein, genau das erst einmal rauszunehmen: Emotionen. Der Clicker wurde vorher schon konditioniert und in der Leinenführung und im Freilauf zur gezielten Bestätigung von Orientierung eingesetzt.

 

Ich hoffe, dass jetzt keiner hier heraus liest, dass die Arbeit über bedürfnisorientierte Belohnung besser ist, als die Arbeit über Begrenzung. Dieses Mensch-Hund-Team hatte keine Probleme mit dem Abbruchsignal oder der Verbindlichkeit, sondern mit der Motivation. Hier hieß es, von einem Gegeneinander/Nebeneinander wieder zu einem Miteinander zu werden. Auch da gibt es natürlich noch viele verschiedene Wege. Ich habe mich lediglich für diesen entschieden.

 

Ich liebe es, Grenzen zu setzen, und ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass ein Hund klare Grenzen braucht und klar heißt für mich immer direkt und ehrlich. Immer noch fehlt es bei den meisten Kundenhunden, welche zu mir ins Training finden, an Grenzen, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz. Ein Leben ohne Grenzen, ohne ein „Nein!“, ohne Frust und ohne Stress ist nicht möglich und auch schlicht nicht sinnvoll. Darüber lernt der Hund ein adäquates Stressmanagement, er lernt sich zurückzunehmen und er lernt auch verbindlich Dinge zu tun, ohne eine materielle Belohnung am Ende zu erwarten. Aber diese Arbeit birgt eben auch Gefahren, nämlich dass man zu viel Druck ausübt, dass man sich als Mensch zu sehr emotional reinsteigert, zu anspruchsvoll wird und nur noch das Fehlverhalten des Hundes sieht. Genau so verhält es sich aber auch, wenn man nur die andere Seite betrachtet. Positive Verstärkung ist toll, man kann den Hund gezielt belohnen und ihn motivieren, mit dem Mensch zu kooperieren. Aber auch diese Arbeit kann nach hinten losgehen, wenn z. B. der Hund aufgrund der Erwartungshaltung einfach total drüber ist, wenn der Hund falsche Verknüpfungen herstellt oder sogar Handlungsketten lernt, bei denen man indirekt das unerwünschte Verhalten bestärkt.

 

Beides hat seine Vor- und Nachteile und man muss auf das jeweilige Mensch-Hund-Team schauen, woran es hapert. Überall liest man von „individuellem Training“ und trotzdem zieht jeder seine Schiene durch. Und manchmal heißt es dann sogar, wenn das Training nicht erfolgreich ist: der Kunde ist Schuld, er hat es nicht richtig umgesetzt. Wenn euch das bekannt vorkommt und ihr bei so einem Trainer seid: bitte geht und wechselt ihn. Euer Job ist nicht, alles mit Bravour umzusetzen. Der Job des Hundetrainers ist es, euch den richtigen Weg zu zeigen, den ihr und euer Hund auch umsetzen könnt. Natürlich muss ein Trainer nicht auf Anhieb alles sehen und sofort den richtigen Weg für euch im Kopf haben, aber er muss erkennen, wann welcher Weg Sinn macht und wann es doch besser ist, einen neuen, anderen Weg einzuschlagen. Ein Hundetrainer sollte auch den Fokus darauf legen, euch zu helfen und euch stark zu machen, und nicht darauf, was ihr alles falsch macht. (Das ist ein Unterschied!)

 

Ein Hund muss weder untergebuttert werden, damit er hört, noch muss er in Watte gepackt werden, da er sonst das Vertrauen in euch verliert. „Positive Strafe“ ist ein biologischer Begriff und hat nichts mit Gewalt oder Bestrafung, wie wir es in unserem Sprachgebrauch nutzen, zu tun! Auch ein mahnender Blick, ein in den Weg stellen, ein kurzes Festhalten kann eine „positive Strafe“ sein (nur wenn es das Gegenüber als unangenehm empfindet, sonst ist es keine!). Unter Menschen, die in einer guten Beziehung zueinander stehen, würde dabei niemand auf die Idee kommen, von Gewalt, Bestrafung oder sonst etwas zu sprechen, aber auch wir stehen in einer im Normalfall guten Beziehung zu unserem Hund. Ein Hund zeigt auch mal unerwünschtes Verhalten, ohne euch auf der Nase herumzutanzen oder dominant zu sein. Dominanz ist keine Eigenschaft sondern beschreibt ein „asymmetrisches Verhältnis in der Beziehung zwischen zwei Individuen“ (https://hundeprofil.de/dominanz-der-versuch-einer-sachlich…/), die aber auch nichts mit Gewalt oder Unterdrückung zu tun hat. Leider werden heutzutage Dinge in einen Topf geworfen, die nicht zusammengehören, damit um sich geschmissen und versucht, andere unter Druck zu setzen. Hört bitte auf euer Bauchgefühl und tut das, was ihr denkt, was euch und eurem Hund gut tut. Wenn das bedeutet, dass ihr euren Hund nicht einschränken wollt, gut! Wenn das bedeutet, dass ihr mit eurem Hund nicht clickern wollt, auch gut! Aber verurteilt andere nicht, weil sie einen anderen Weg gehen und bleibt trotzdem offen für Neues. Sobald man nämlich sagt „Auf keinen Fall!“, ist da eine Sackgasse.

 

Wir haben nicht nur für unseren Hund die Verantwortung, sondern mit dessen Einzug auch für unsere Umwelt. Das ist mein Leitfaden, nach welchem ich mein Training ausrichte: Alltagstauglichkeit. Wie sagte Michael Grewe mal: „Nein, der Alltag ist nicht schrittweise, sondern er kommt überraschend von links.“ Wie Recht er hat und da kann für mein Empfinden die Arbeit mit dem Hund nicht so aussehen, dass ich um alles einen riesigen Bogen laufe. Das ist einfach nicht möglich, wenn ich mich nicht komplett isolieren möchte.

 

„So positiv wie möglich und so negativ wie nötig“, könnte von mir sein. Lernen wir wieder die eigene Mitte zu finden, sowohl bei Hunden als auch bei uns selbst!