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Hundeerziehung - kein Ist-Zustand sondern ein Prozess


Schon lange schwirren mir diese Gedanken durch den Kopf und zum Ende des Jahres habe ich mich entschieden, einen Text darüber zu schreiben. Was ist mit der Überschrift gemeint? Ich erlebe es fast täglich, dass Menschen schnell sind im (be-/ver-)urteilen von Hunden, sei es der eigene oder ein fremder Hund mit seinem Mensch. "Mein Hund kann ... nicht.", "Der Hund der Nachbarn ist aggressiv, der bellt immer hinterm Zaun.", "XY hat ihren/seinen Hund ja gar nicht im Griff, der ist total leinenaggressiv.", "Der Hund von XY ist super erzogen, der ist immer so lieb, wenn wir XY besuchen." Man könnte die Liste unendlich erweitern. Sätze, welche Hunde nur in einer Phase ihres Lebens und vor allen Dingen in EINER Situation beschreiben.

 

Erziehung ist ein Prozess, welcher auch nicht immer nur in eine Richtung geht. Viele möchten das Resultat ihrer Erziehung sofort sehen, sonst heißt es direkt "Mein Hund kann ... nicht." Aber viele Dinge brauchen Wiederholungen und damit einhergehend auch Zeit, sei es beim Erlernen eines Kommandos, der Selbstkontrolle oder sozialer Kompetenzen im Umgang mit Menschen/Hunden. Man sieht also immer erst im Nachhinein, was gut funktioniert hat und was nicht. Oft sind viele Menschen (mich eingeschlossen) zu schnell frustriert, wenn mal etwas mit dem eigenen Hund nicht klappt, aber gerade bei einem jungen Hund ist das vollkommen normal und es wäre auch komisch, wenn dem nicht so wäre. Diese Frustration entsteht aber auch durch die Außenwirkung von Erziehung, womit wir bei der anderen Seite der Medaille wären...

Schnell werden auch andere Hunde (und/oder ihre Menschen) verurteilt, weil man sie in EINER Situation gesehen hat. Man meint zu schnell, dass man beurteilen könne, ob der Hund freundlich oder gefährlich, erzogen oder unerzogen, ... ist. Wir wünschen uns, Verständnis, aber haben wir das denn immer bei anderen? Es ist nicht immer das, wonach es auf den ersten Blick aussieht. Nur weil ein Hund auf Hunde an der Leine aggressiv reagiert, kann er trotzdem sehr verträglich mit ihnen sein. Nur weil ein Hund sich hat streicheln lassen, kann er trotzdem gefährlich mit Menschen sein. Nur weil ein Hund nett mit Menschen ist, kann er trotzdem draußen ohne mit der Wimper zu zucken Wild reißen. Wir sollten aufhören so schnell zu (be-/ver-)urteilen. Es ist nicht nur unfair gegenüber dem Hund, es ist auch unfair gegenüber dem Halter.

 

Der eine als unerzogen abgestempelte Hund, den du heute gesehen hast, der wie ein Irrer in die Leine gesprungen ist und Frauchen dabei hingeflogen ist, kann in einem halben Jahr der erzogene Hund sein, der ruhig an allen Artgenossen vorbeigeht. Der eine als lieb abgestempelte Hund, der ganz toll Tricks für Kekse macht, kann morgen seinem Mensch ins Gesicht beißen.

 

Wir möchten erzogene Hunde aber wollen nicht sehen, wie sie erzogen werden. Da ist es egal, ob ich belächelt werde, weil ich meinen Hund mit Keksen ablenke, da es gerade die beste Alternative ist, oder ob ich böse Blicke oder sogar Beschimpfungen dafür ernte, dass ich meinen Hund auch mal reglementiere. Fast täglich erzählen mir Kunden von der Außenwirkung, die Hundeerziehung mit sich bringt, weil Menschen so schnell sind im Bewerten. Man möchte einen erzogenen Hund, aber die Lust am Erziehen vergeht einem dabei.

 

Wie oft ich früher komisch angeschaut wurde, da mein Hund à la Tut-Nix Manier ständig andere Hunde belästigen musste, nicht abrufbar war, jagen gegangen ist, ständig in der Schleppleine hing, Menschen massiv angesprungen hat, geschriehen hat, wenn er angebunden war... (ja es geht um den unschuldig dreinblickenden Hund auf dem Foto). Ich musste ihn maßregeln, da er sich und andere gefährdete, und ihn ablenken, damit er überhaupt mal bei "mir" (eher einfach nicht woanders) war. Ich habe mich damals teilweise zum Depp gemacht und sicher haben sich viele gefragt, wer diese Tussi mit dem unerzogenen Köter eigentlich ist.

 

Und heute?

 

Heute ist er 5 Jahre alt, eher so vom Typ Schlaftablette und viele sagen mir, wie toll und einfach er doch ist. Da weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Mit diesem Gedankenanstoß wünschen wir euch einen guten Rutsch ins neue Jahr. Unser Vorsatz für 2019: Generell toleranter und aufgeschlossener zu sein! Vielleicht möchte sich da jemand anschließen.

Eure Bianca mit dem süßen aber auch anstrengenden Nino (Beagle - Jack Russell Terrier - Cocker Spaniel - Mix)