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Die Sache mit dem Futter


Nach über einem Jahr meiner Selbstständigkeit als Hundetrainerin ist mir eins ganz besonders aufgefallen: man wird schnell in Schubladen gesteckt. Oft fragen mich Kunden vorsichtig „Darf ich ihm denn jetzt ein Leckerlie geben?“ oder sagen „Ich bin so froh, endlich einen Hundetrainer gefunden zu haben, der nicht mit Futter arbeitet!“ Ich freue mich, wenn Kunden sich bei mir gut aufgehoben fühlen, aber muss dann immer widersprechen. In den Köpfen der Mensch gibt es (wahrscheinlich auch erfahrungsbedingt aus der Hundeszene) nur das eine oder andere Extrem. Sobald jemand nicht ausschließlich mit Futter arbeitet, arbeitet derjenige gar nicht mit Futter. Auch ich benutze Futter in der Arbeit mit Hunden und meinen eigenen in Situationen, in denen es für mich sinnvoll erscheint und wirklich einen Nutzen bringt. Zum Beispiel belohne ich den Rückruf anfangs auch mit Futter (wenn es denn ein futtermotivierter Hund ist), um das Signal „Hier“ zu festigen und auch weiterhin als Motivation/Belohnung für sehr eigenständige Hunde (z. B. meinem Beagle-Terrier Mix). Darüber hinaus ist es bei Assoziationsänderungen enorm hilfreich, als Brücke, um dem Hund etwas Angenehmes in einer unbehaglichen Situation zu geben. Nicht zuletzt natürlich auch als Teil des Aufbaus von Signalen wie „Sitz“, „Platz“ und Deckentraining.

 

Aber meistens ist das nicht der Grund, warum Hundehalter zu mir kommen. Sie suchen mich auf, weil sie eben nicht mehr weiterkommen, da in vielen Hundeschulen vermittelt wird, Futter sei so etwas wie der heilige Gral, des Rätsels Lösung. Und so sehe ich das eben nicht. Gerade bei vielen Dingen im Alltag geht es um Konflikte, die aus einer Beziehung heraus entstehen. Ich möchte etwas anderes als mein Hund; mein Hund möchte etwas anderes als ich. Wie kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner? Da kann vielleicht oberflächlich mit Futter dran „gearbeitet“ werden, aber wenn dann jemand wie ich kommt und sagt, lass das Futter mal weg, sieht man sehr oft keine Orientierung beim Hund am Mensch. Die ist dann meistens nämlich nicht mehr (oder war nie) da, weil alles unter der Prämisse „Arbeit für Lohn“ gelaufen ist, was dann bedeutet: kein Lohn - keine Arbeit. Das alles ist meilenweit von dem entfernt, was ich vermitteln möchte und was meiner Erwartung an die Hundehaltung entspricht.

 

Echte Orientierung hat eben weder mit Arbeit noch mit Lohn zu tun. Sie entsteht dadurch, dass man Konflikte austrägt, an der Beziehung (also auch an sich selbst) arbeitet und das alles möglichst fair, klar und wohlwollend gegenüber dem Hund. Das kann auch mal bedeuten, dass man sich „unbeliebt“ macht, weil man sich abgrenzt und nicht zu allem „Ja“ sagt. Gerade das fällt meiner Erfahrung nach vielen Hundehaltern schwer, dabei ist es alles eine Sache der Einstellung und des Blickwinkels. Viele sehen nur, dass der Hund nicht bekommt, was er möchte, dass er eingeschränkt wird und dann kommt das schlechte Gewissen. Ich sehe das komplett anders und versuche das auch immer meinen Kunden zu vermitteln. Der Hund wird nicht aus Boshaftigkeit begrenzt oder weil ich ihn gängeln will. Es geht darum, dass er sich zu einer stabilen Persönlichkeit entwickelt, die gut im Leben zurechtkommt, weiß wie man sich in unserer Gesellschaft zu verhalten hat, deswegen nirgendwo negativ auffällt und ein sicheres Leben führt. Es geht darum, einen Hund heranzuziehen, der gut mit Stress und Frust umgehen kann und deswegen ein gesundes Leben führt. Das sind für mich sehr gute Gründe, auch mal „unbeliebt“ bei meinen Hunden zu sein, schließlich tue ich das, weil ich das Beste für sie möchte. Und die „Unbeliebtheit“ ist auch meist nur von kurzer Dauer, da beide Parteien wissen, wie sehr sie den anderen schätzen, um das, was er zu geben hat – nämlich eine tolle einzigartige Persönlichkeit!